Qualitätsjournalismus im Sauerland

Im Online-Angebot des Märkischen Zeitungsverlags erschien heute ein Artikel über einen Reichsideologen. Doch statt die schallende Ohrfeige in den Mittelpunkt zu stellen, die der 28jährige vor Gericht erhalten hat, wird lieber dessen „verblüffende Rechtsauffassung“ beschrieben und das Tun des Industriemechanikers als „Eulenspiegelei“ verharmlost.

Zuerst hatte ich vor, mich an dieser Stelle mal wieder über „Qualitätsjournalismus“ aufzuregen. Ich hatte schon eine lange Liste zusammengestellt, um darzustellen, warum der Bericht, der heute im Online-Angebot des Märkischen Zeitungsverlags veröffentlicht wurde, einfach nur haarsträubend ist. Der Artikel erschien wohl in ähnlicher Form auch in der Print-Ausgabe des „Süderländer Volksfreund“.

Doch dann wurde angereichert das brisante Gedächtnisprotokoll eines V-Mannes in der Lokalredaktion des „Süderländer Volksfreund“ zugespielt. Die Frage der Echtheit des Protokolls steht hier nicht zur Debatte, der Inhalt ist einfach zu brisant. Das Protokoll dokumentiert die Entstehungsgeschichte des Artikels – und versöhnt mich wieder mit der Welt. 😉

Mitarbeiter: Ey, Chef! Ich habe da eine tolle Story! Da stand neulich einer vor Gericht und hat doch glatt gesagt, er erkennt das Gericht nicht an und die BRD sei eine Firma.

Chef: Weswegen stand er vor welchem Gericht?

Mitarbeiter: Keine Ahnung, Chef. Amtsgericht Altena war es wahrscheinlich. Und es ging um… ach… wollen Sie das echt wissen? Fahren ohne Fahrerlaubnis, glaube ich. Oder Ordnungswidrigkeiten? Oder beides? Ist doch nicht wichtig! Wichtiger ist, daß der Mann sagt, es gibt gar kein Ordnungswidrigkeitengesetz.

Chef: Naja, das ist schon ein bißchen durchgeknallt, finden Sie nicht?

Mitarbeiter: Durchgeknallt? Der Typ ist voll cool, Chef. Stellen Sie sich vor, der hat den Richter eiskalt gefragt, ob er denn beweisen kann, daß er der „gesetzliche Richter“ ist! Und seinen Namen wollte er erst auch nicht nennen! Ist das nicht hammer?!

Chef: Eher dreist. Wie hat er Richter reagiert?

Mitarbeiter: Hat mit Erzwingungshaft gedroht. War total angepisst. Aber das wären Sie sicher auch, wenn Sie damit konfrontiert würden, was der Typ rausgefunden hat.

Chef: So? Was hat er denn rausgefunden?

Mitarbeiter: Na, daß es kein Ordnungswidrigkeitengesetz gibt. Daß es keine Ämter gibt. Daß die BRD eine Firma ist. Daß die Haager Landkriegsordnung (was auch immer das ist) von 1907 noch immer Gültigkeit hat. Daß die BRD ein „besatzungsrechtliches Provisorium“ ist. Daß…

Chef: Moment. Hatte er nicht auch gesagt, sie sei eine Firma? Was denn nun?

Mitarbeiter: Ist doch egal, oder? Er sagt, die BRD habe keine gültige Verfassung und sei kein Staat, sondern eine GmbH.

Chef: Und woher weiß er das? Ist er Jurist?

Mitarbeiter: Jurist?! Quatsch. Industrie….irgendwas… mechaniker oder so. Der Typ ist Mitglied im… ähm…  „Zentralrat Europäischer Bürger (ZEB) – Internationales Zentrum für Menschenrechte“. Der ist echt voll der Experte. Hat alles im Internet gefunden. Voll krass!

Chef: Naja, ich weiß nicht. Klingt doch alles irgendwie ziemlich albern. Aber wie ist das vor Gericht nun ausgegangen?

Mitarbeiter: Ach, Chef, Sie alter Bedenkenträger. Sie langweilen echt mit Ihren Detailfragen. Ich glaube, der hatte irgendwie Widerspruch gegen irgendwas eingelegt. Hätte 1.500 EUR berappen müssen für irgendwas. Jetzt muß er 3.000 EUR löhnen.

Chef: Na, das ist ja dann schön dumm gelaufen für Ihren tollen Typen, oder? Läßt sich von einem angeblich nicht existierenden Gericht mal eben das doppelte von dem abknöpfen, was er ursprünglich hätte zahlen müssen.

Mitarbeiter: Chef… wen interessiert das denn?! Die Story drum rum ist doch viel cooler. Ich sag‘ Ihnen, ich zieh‘ das ganz toll auf. Ich mach‘ daraus eine Sache wie… na… wie dieser Uhuspiegel.

Chef: Eulenspiegel?

Mitarbeiter: Mein‘ ich ja. Das ist doch echt voll krass, oder? Der Typ kommt auch voll sympathisch rüber. Da kann man vielleicht noch ’ne Homestory machen oder so. Der trickst das System aus.

Chef: Na, also ich weiß nicht. Sieht ja eher so aus, als habe er sich selbst ausgetrickst. Und denken Sie nicht, Sie sollten sich noch ein wenig mehr über die Hintergründe informieren? Den Richter interviewen, was er dazu sagt? Was sind das überhaupt für Leute, die einen Staat und seine Gesetze ablehnen? Wer steckt hinter diesem „Zentralrat“? Sind das Nazis? Spinner? Querulanten?

Mitarbeiter: Ach, Chef. Der Redaktionsschluß ist doch in 15 Minuten. Da schaffe ich es echt nicht mehr, jemanden zu interviewen, erst recht nicht den Richter. Ey, mann, der war halt angepisst. Ich schreib‘ einfach, das Gericht war „verblüfft“. Das kommt dann noch cooler, gleich in der Headline. Da hat einer dem Gericht mal die Grenzen aufgezeigt. Und was über die Hintergründe rausfinden? Wozu? Reicht es nicht, wenn er sagt, daß er keine politischen Ziele verfolgt?

Chef: Also, ich weiß nicht. Zu behaupten, ein Staat existiere gar nicht, Gesetze seien nicht gültig, es gelte noch immer Besatzungsrecht… das soll unpolitisch sein? Das soll harmlos sein?

Mitarbeiter: Chef, glauben Sie mir. Der Mann ist total harmlos. Der ist weder rechts, noch links. Der ist voll vorne. Wenn Sie gesehen hätten, wie verschmitzt der lächelt! Da brauche ich echt nicht mehr zu recherchieren. Und die Leser langweilen sich auch nur, wenn wir in dem Zusammenhang irgendwas mit Nazi oder so berichten. Die haben doch von diesen Naziterroristen eh‘ schon langsam die Schnauze voll. Wir brauchen was Lustiges, Cooles halt. Einen Mann, der im Internet die Wahrheit entdeckt hat.

Chef: Also gut. Sie haben mich überzeugt. Da sind eh gerade noch zwei Spalten frei geworden, weil der Bericht über den Tod des Paradekaninchens des Werdohler Kaninchenzüchtervereins nicht rechtzeitig fertig geworden ist.

Mitarbeiter: Hoppel ist tot?! *lautes Schluchzen* Dann brauchen die Leute aber wirklich meine Story!

Chef: Sie haben noch 5 Minuten, um den Artikel zu schreiben… an die Arbeit!

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2 Kommentare zu Qualitätsjournalismus im Sauerland

  1. Klare Kante sagt:

    Herr Heyn hat einen neutralen und nicht wertenden Artikel über diesen Prozess verfasst. Ihr Art der manipulativen Verunglimpfung ist völlig respektlos und unangebracht. Die krude und nicht fundamentierte Argumanetation von Herrn Kootz ist für den ZEB und Herrn Kootz mehr als kontraproduktiv. Weder Herrn Kootz, noch Ihren unsagbaren Artikel kann ein klar denkender Mensch ernst nehmen.

  2. Das mag Ihre Ansicht sein.

    Für mich stellt es sich jedoch so dar, daß der Verfasser des Artikels im SV – mit Verlaub – seine Arbeit nicht erledigt hat (und hier halte ich mich bewußt zurück; denn wenn ich schriebe, was ich wirklich über die handwerklichen Fähigkeiten des Herrn vom SV denke, käme Ihnen das sicherlich nicht nur respektlos vor….).

    Es fängt bereits damit an, daß überhaupt nicht ersichtlich wird, weswegen der Reichsideologe nun genau vor welchem Gericht stand (daß es das AG Altena gewesen sein dürfte, kann man sich als Nicht-Ortskundiger nach ein paar Google-Abfragen schließlich denken) und was am Ende dabei heraus gekommen ist. In der Online-Ausgabe wird ja erst in den Kommentaren eine ungefähre Beschreibung darüber abgegeben. Hierbei drängt sich mir jedoch der Eindruck auf, daß Dinge durcheinander geworfen werden:
    das Fahren ohne Fahrerlaubnis ist eine Straftat; in den Kommentaren schreibt der Herr vom SV jedoch, der Reichsideologe habe „Widerspruch“ eingelegt. Meint er vielleicht eher „Einspruch“, nämlich gegen einen Strafbefehl? Dann plötzlich ist die Rede von einer „Strafe“ wegen Ordnungswidrigkeiten. Warum kein Bußgeld, wie es sonst bei Ordnungswidrigkeiten vorgesehen ist?

    Es geht damit weiter, daß überhaupt nicht klar wird, was mit dem Artikel bezweckt werden soll.

    Eine „Gerichtsreportage“ kann es nicht sein, siehe oben.

    Ein Loblied auf den Reichsideologen?
    Einerseits wird der Reichsideologe in dem Artikel als kleines Cleverle dargestellt, das schelmisch grinst über ein gegen ihn ergangenes Gerichtsurteil; seine in „rechten“ Kreisen weit verbreitete „Argumentation“ wird als Eulenspiegelei verharmlost.
    Doch andererseits wird versucht, den Reichsideologen vorzuführen, weil er sich seine „Argumente“ aus dem Internet „zusammengesucht“ habe.
    Also weder Loblied, noch Vorführung.

    Information über den ZEB und die Hintergründe der „Argumentation“?
    Über die Hintergründe des ZEB erfährt man… nichts. Daß der Reichsideologe angeblich völlig unpolitisch sein will, wird einfach so hingenommen, obwohl seine „Argumente“ im rechten Spektrum Standard sind.

    Letztlich ist besagter Artikel daher meiner Meinung nach nichts Halbes und nichts Ganzes. Er ist – wiederum mit Verlaub – Flickschusterei, Schrott. Doch selbst wenn man der Lokalredaktion zu Gute halten möchte, daß man dort erstmals mit Reichsideologen in Kontakt gekommen ist, kann man jedenfalls erwarten, daß vernünftig über die Hintergründe des Reichsideologen und seiner „Argumente“ recherchiert wird. Dafür werden die Leute schließlich bezahlt.

    Meines Erachtens wäre es daher – jedenfalls für meinen Blutdruck – besser gewesen, auf diesen Artikel zu verzichten und stattdessen über den Werdohler Kaninchenzüchterverein zu berichten. Ein solcher Artikel hätte wahrscheinlich mehr Informationsgehalt gehabt als das, was der SV da abgeliefert hat.

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