„Reichsbürger“ im Ferrari

Ein „Reichsbürger“ wurde vom Amtsgericht Göttingen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. Er hat sich nach Überzeugung des Gerichts des dreifachen versuchten Betrugs, der Nötigung und der Verleumdung schuldig gemacht.

An und für sich ist der Bericht der Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) vom 26.08.2016 nicht sonderlich interessant. Wieder mal ein „Reichsbürger“ verurteilt, noch dazu in einem Prozeß ohne große Störungen.

Nachdem der 31-Jährige vor rund zwei Monaten schon einmal vor Gericht gestanden hatte, ging es diesmal in erster Linie um eine Online-Auktion eines Gerichtsvollziehers in Nordrhein-Westfalen, bei der er einen Ferrari für 83.100 Euro ersteigert hatte.

„Statt die Rechnung zu begleichen, übersandte er der Direktorin des dortigen Amtsgerichts einen Schuldschein mit einer notariellen Beglaubigung über 200.000 Euro. Später forderte er sie auf, die Differenz zwischen dem auf dem angeblichen Schuldschein genannten Betrag und seinem Gebot für den Ferrari auf sein Konto zu überweisen“,

heißt es im Bericht der HNA.

So weit, so kriminell.

Jedoch machte der – inzwischen angeblich geläuterte – 31jährige Angeklagte in diesem Prozeß einige durchaus interessante Angaben über seine „Reichsregierung“.

Anscheinend ist er an eine Gruppierung geraten, deren Mitglieder sich nach Anleitung der Führung bewußt an kriminellen Machenschaften beteiligen. So habe der Angeklagte einen E-Mail-Account unter einer russischen Domain anlegen und auf seinem PC ein „Teamviewer“-Programm installieren sollen, durch das sich der Rechner habe fernsteuern lassen. Später habe er eine E-Mail erhalten, daß man über seinen Account ein Gebot für einen Ferrari abgegeben habe.

Kontakt zu der „Reichsregierung“ habe der Mann, den offenbar Schulden in die Arme der „Reichsbürger“ trieben, bei zwei Treffen in Polen bekommen. Auf dem ersten Treffen in einem Hotel sei u.a. die neue „Kanzlerin“ des „Deutschen Reichs vorgestellt“ worden. Für Schulungen und Drohformulare der „Reichsbürger“ habe er insgesamt 1.900 Euro bezahlt. Offenbar rausgeschmissenes Geld, denn einen Nutzen hätten sie nicht gehabt.

Eine „Reichsregierung“, die scheinbar von Polen aus agiert, so offen kriminelle Machenschaften verfolgt und zudem eine „Kanzlerin“ hat… und da dachte man, man hätte schon alles erlebt! Immerhin können Frauen im „Deutschen Reich“ aufatmen: zumindest in einer der vielen „Reichsregierungen“ können sie es jetzt auch bis ganz nach oben schaffen…

Ach so, da war ja noch was…

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sachsen-anhalt-schiesserei-mit-sek-bei-zwangsraeumung-von-reichsbuerger/14455306.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-schiesserei-in-sachsen-anhalt-welche-gefahr-stellen-reichsbuerger-dar/14461968.html

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/zwangsraeumung-bei-reichsbuerger-endet-in-schiesserei-14405427.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/schiesserei-in-sachsen-anhalt-wie-gefaehrlich-sind-die-reichsbuerger-14407236.html

http://www.n24.de/n24/Mediathek/videos/d/9046442/-mister-germany-1998–liefert-sich-schiesserei-mit-sek.html

http://www.bz-berlin.de/berlin/frueher-mister-germany-heute-reichsbuerger-sek-schiesst-ex-berliner-nieder

Aber alles, was ich dazu schreiben könnte, wäre unsachlich. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis es bei solchen Aktionen Tote gibt. Doch dann hat natürlich keiner von nichts gewußt.

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Ein Kommentar zu „Reichsbürger“ im Ferrari

  1. Ausführlicher ist dieser Artikel aus dem Göttinger Tageblatt:

    http://www.goettinger-tageblatt.de/Region/Gleichen/31-Jaehriger-aus-Gleichen-wegen-Betruges-Noetigung-und-Verleumdung-verurteilt


    Hintergrund war, dass er hoffte, seine Schulden aus drei gescheiterten Ehen zu minimieren. Als er dann „zu ihnen gehörte“, sei er mit Drohungen gegen die Familie unter Druck gesetzt worden. So habe er ein Konto bei einem Versteigerungsportal eingerichtet und den Reichsbürgern durch ein heruntergeladenes Programm den Zugriff auf seinen Rechner erlaubt. Dann wurde in seinem Namen ein Ferrari F 355 für 83 000 Euro ersteigert. Bezahlen sollte er mit selbst produzierten Schuldscheinen, „eine Art Monopoly-Geld“, wie Richter Ehsan Kangarani sagte.
    (…)
    setzte er die Amtsgerichtsdirektorin von Warstein mit der Drohung unter Druck, ein auf Malta ansässiges Inkassobüro der Reichsbürger gegen sie zu beauftragen. Bundesweit war zuvor verbreitet worden, dass Vollstreckungsbescheide aus Malta gegen deutsches Justizpersonal in anderen EU-Staaten zu Festnahmen führen könnten.“

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